Drama Artikel

Tanztheater: Authentisch, theatralisch – gut

Ein Blick auf die Geschichte und Gegenwart des Tanztheaters.

von Michaela Warnke

Tanztheater bewegt und
bricht Tabus.
Wer bei dem Begriff „Tanztheater“ an eine Art Handlungsballett denkt oder meint zu wissen, dass dort nur Ausdruckstanz mit Schauspiel verbunden wird, der hat die eigentliche Funktion des Tanztheaters noch nicht ganz erfasst. Aber was genau verbirgt sich eigentlich hinter dieser modernen Kunstform des Tanzes?

Barbara Jeanne Lins, ausgebildete Tänzerin, diplomierte Tanzpädagogin und Choreografin, half mir, der Geschichte des Tanztheaters und seiner heutigen Bedeutung auf den Grund zu gehen.


Die Geburtsstunde


Der Begriff des „Tanztheater“ wurde bereits in den späten 20er Jahren durch Kurt Jooss geprägt. Mit den beiden Stücken „Der grüne Tisch“ und „Großstadt“ verknüpfte der gelernte Tänzer und Choreograf des klassischen Ballett mit einer "neuen Grammatik, die alle Phasen des Dramas vollwertig ausdrücken könne“.

Im Laufe der Jahre entwickelten sich dann aus dem klassischen Ballett das moderne Ballett, der freie Tanz, der Ausdruckstanz und schließlich das Tanztheater. Parallel dazu entstanden der Moderne und Postmoderne Tanz, die ebenfalls Einfluss auf das Tanztheater nahmen.

Seine Geburtsstunde hatte das Tanztheater 1967 mit den ersten Stücken der Choreografin Pina Bausch („Fragmente“) und Johann Kresnik(„O sela pei“). 1971 gab es dann unter der Leitung von Gerhard Bohner das erste offizielle Tanztheater in Darmstadt.


Tanztheater im Wandel der Zeit


Heute kann das Tanztheater auf eine rund 30-jährige Geschichte zurückblicken. Die dritte Generation von Choreografen ist mittlerweile am Zug. Doch für Barbara J. Lins reicht niemand an Pina Bausch heran. Liebevoll zitiert sie sie als „die Mutter dieser Sparte“.

In seiner heutigen Form weist das Tanztheater einige Unterschiede zu früheren Formen auf. So will das heutige Tanztheater „weniger Ausdruckstanz mit Schauspiel verbinden, sondern den reinen Tanz zusehends mit theatralischen Bildern, sozialkritischen Motiven und realistischen Momenten, wie singen und sprechen verbinden“, erklärt Choreografin Lins. Durch diese Form entstehen gesellschaftliche und höchst politische Stücke.


Kein bloßes Handlungsballett


Man kann das Tanztheater jedoch nicht auf die eine alles erhellende Formel bringen. Dazu lebt das Tanztheater viel zu sehr von den Ansichten und Persönlichkeiten der einzelnen Choreografen. Diese sammeln banale, alltägliche Bewegungen und Verhaltensweisen und bauen sie in ihre Stücke ein. „Sie finden eher, als dass sie erfinden“, beschreibt Barbara J. Lins diese Vorgehensweise.

Außerdem besitzen die Choreografien meist keine durchgehende Handlung, sondern bestehen aus einer Kombination von verschiedenen Bausteinen, die alle absolut gleichwertig nebeneinander gezeigt werden. Lins weiß aus Erfahrung, dass die Bezeichnung „Tanz“ für manch konservativen Zuschauer schwer zu akzeptieren ist: „Es ist eben kein Handlungsballett. Der Zuschauer bekommt die Möglichkeit, seine eigene Handlung oder ein Thema zusammen zu stellen.“

Auf die Frage was für Barbara J. Lins das Spannende am Tanztheater ist, antwortet sie mir mit einem Zitat von Pina Bausch: „Ich bin nicht daran interessiert, wie sich die Menschen bewegen, sondern was sie bewegt“. Tanztheater sei mehr als einfach nur eine tolle Schrittabfolge. Es verleiht mehr Authentizität in den Bewegungen und schafft es, die Bühne mit mehr Inhalt zu füllen.


Für Glaubensthemen nutzen


Auch im christlichen Kontext gewinnt das Tanztheater mehr und mehr an Bedeutung. Man kann es nutzen, um auf gesellschaftliche Probleme aufmerksam zu machen und Glaubensthemen einmal anders zu vermitteln. Interessant, fragend, komisch, verrückt, traurig oder „ganz normal“, alles ist erlaubt.

Dabei können verschiedene Fragmente, Bilder und Geschichten nebeneinander gesetzt werden. Wie das aussehen kann? Barbara J. Lins beschreibt es so: „Die Tänzer dürfen persönlich werden, dem Zuschauer etwas anbieten, privat sein. Der Zuschauer wird Gefährte auf einem Weg – in diesem Fall den Glaubensweg oder der Suche nach etwas – dem Christlichen.“

In ihrem Lieblings-Tanztheaterstück „TABU“, das Lins mit zwölf Tänzerinnen erarbeitet hat, geht es mitunter darum, welche Tabus Jesus brach oder behielt. Und welche gesellschaftlichen Auswirkungen das hatte. Der Zuschauer kann sich mit seinen persönlichen und gesellschaftlichen Tabus auseinandersetzen und sie entweder durchbrechen oder behalten. „Bewegen, bewegt werden, Entscheidungen treffen und Verantwortung für das Tun, Denken übernehmen“, das ist Barbara J. Lins als Choreografin dabei wichtig.


Zuschauer als Teil des Ganzen


Tanztheater bedeutet eine ehrliche Auseinandersetzung mit einem Thema, es bezieht die Menschen mit ein, macht sie zu Teilnehmenden. Tanztheater kaut dem Zuschauer nicht vor was er tun oder denken soll. „Es versucht, das Publikum zu bewegen, manchmal auch zu verwirren oder verschiedenste Sichtweisen aufzuzeigen. Somit muss der Zuschauer wieder mehr Eigenverantwortung wahrnehmen und lernen, Entscheidungen zu treffen“, bringt die Choreografin die Wirkung und Notwendigkeit dieses Genres auf den Punkt.

Dank Barbara Jeanne Lins sind wir der wahren Bedeutung des Begriffs „Tanztheater“ auf die Spur gekommen. Und vielleicht hat den einen oder anderen jetzt die Neugier gepackt und will mit eigenen Augen sehen, wie das auf der Bühne aussehen kann. Denn Tanztheater will auch in der heutigen Zeit ein Spiegel der Gesellschaft sein, aufmerksam machen und bewegen.

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08.03.10

Über den Autor

Michaela Warnke absolvierte 2007 ein Jahrespraktikum in der Online-Redaktion von jesus.de. Gemeinsam mit drei Freundinnen wohnt sie in einer schönen Altbauwohnung in Witten und studiert seit März 2009 Soziale Arbeit in Bochum.

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